Kurzgeschichte Jennifer


Die grellen Lichter im Club tanzen zum hektischen Beat. Menschenmassen vereinen sich auf engen Flächen und bewegen ihre Glieder zum vermeintlichen Takt. Schweiß und schlechtes Deodorant erfüllen den Raum mit einem süßlichen Duft. Der ewig andauernde Lärm wird nur für den Bruchteil einer Sekunde durch ein schrilles Lachen gestört. Auf der Männertoilette ziehen sich zwei Studenten Speed in die Nase. Auf dem Frauenklo ist es ähnlich. Gedämpft ertönt hier der Brei aus 500 Stimmen und irgendjemand lässt sein Glas fallen. Die Scherben zerbersten bei jedem unachtsamen Tritt aufs neue. Türsteher fühlen sich extrem autoritär, während angehende Anwälte glauben, sie würden doch tatsächlich ihre Jugend ausleben. Die Massendroge Alkohol wird an den Bars ausgeschenkt und bläulicher Rauch drängt sich zwischen erzählende Gesichter. Ganz am Rande, in einer dunklen Ecke, existiert eine andere Welt.

Jennifer trinkt einen Schluck Wasser aus dem schlecht gespühlten Glas und spührt das Kribbeln der Kohlensäure auf ihrer Zunge. Ein Mitglied der Jungen Union, mit schlechten Atem und schütterem Haar, spricht sie an. Mit dem Geld seiner Eltern versucht er ihr einen Drink zu spendieren. Er bleibt genau wie seine Vorgänger unbeachtet. Frustriert wird er später nach Hause gehen und sich selbst befriedigen, während die Seite der Damenunterwäsche eines Versandhauskatalogs vor ihm aufgeschlagen daliegt. Jennifer greift in ihre Handtasche und sucht nach den Light-Zigaretten. Sie reibt am metallenen Rädchen des Plastikfeuerzeugs und kneift die blauen Augen zusammen. Bevor jedoch die Flamme den Tabak erreicht, überlegt sie es sich anders und zerquetscht den Glimmstengel im überfüllten Aschenbecher.

Sie ist wirklich wunderschön. Ihre schulterlangen blonden Haare sind zu einem Zopf gebunden, während ihr Pony sehr modern ihre kleine Stirn bedeckt. Als erstes aber fällt jedem ihr Mund auf. Pefekt geschwungene ovale Lippen, die von einem so tiefen Rot sind, dass kein Lippenstift der Welt es auch nur annähernd kopieren könnte. Ihre süße Nase ist zusätzlich das I-Tüpfelchen auf Gottes Meisterwerk. Jennifers Blick schweift durch die Halle, als würde sie jemanden suchen. Dabei will sie nur beobachten. Oder verstehen. Sie fühlt sich fremd. Das Schlimme dabei ist, dass es kein schleichender Prozess war. Nichts, dass sie etwas erahnen ließ. Völlig hilflos wurde sie einfach überrollt und allein gelassen. Mit Sehnsucht denkt sie an die Momente, als sie noch ein funktionierender Teil der Masse war. Einfach gedankenfrei und anonym mit der Rest zu verschmelzen. Ab und an Teile zu schmeißen, um sich leicht zu fühlen. Schönere Farben wird es wohl niemals geben. Jetzt spührt sie nur noch Verachtung dem gegenüber. Am liebsten würde sie aufspringen und das Mädchen mit den braunen Zöpfen und kleinen Pupillen anschreien. Aufklären. Gefühle gegen andere sind die Gefühle gegen einen selbst. Wortlos legt sie einen Schein auf die Theke und drängt Richtung Ausgang. Überall spührt sie Hände, Schultern und Beine an ihrem Körper. Endlich erreicht sie die Tür und stolpert ins Freie. Eine endlose Schlange erschwert es aber noch einmal, einsam zu sein. Ein Typ der sich in der Gruppe sehr stark fühlt, schreit Jennifer etwas obszönes nach. Seine Freunde wissen nicht, dass er homosexuell ist.

Die Nacht ist angenehm warm. Jennifer steuert die grüne Parkbank an, die seit Jahren einen neuen Anstrich nötig hätte. Sie legt den Kopf in den Nacken und versucht die Sterne zu zählen. So wie sie es als kleines Kind mit ihrem Vater gemacht hatte, der mit ihr im Garten zeltete. Endlich fließen Tränen an ihren Wangen herunter. Man möchte hingehen und sie in den Arm nehmen. Sie beschützen. Ihr sagen, dass alles wieder gut werden wird.

Heute früh bekam sie den Brief mit den Testergebnissen. HIV-Positiv. Und in ihrem Bauch wächst ein kleines Baby.

 

Quelle: http://kurzgeschichten.Blog-Citi.de/post/60/860/



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